Kirche? Mehr als man glaubt.

Rückläufige Steuereinnahmen, leere Kassen - so sieht das Fazit der Kirchen aus. Kurz vor Jahresende erschien im Alibri-Verlag eine ganz andere Bilanz, die belegt, dass die beiden Kirchen die reichsten Unternehmer der Bundesrepublik sind.

Als getauftes Kind wächst man in die Kirche hinein und erlebt sie vor Ort als das Kirchengebäude und den Pfarrer während der Gottesdienste und beim Konfirmations- oder Kommunionsunterricht. Wenn man unterwegs ist, ständig eine der 30.000 Kirchen in Deutschland - der Horizont bleibt aber normalerweise auf diese Gebäude und die Theologen beschränkt.
Nur wer sich aktiv darum kümmert wird merken, dass der alte Satz: "Von der Wiege bis zu Bahre: christliche Talare" immer noch stimmt.
Man wird in einem konfessionellen Krankenhaus geboren, geht in einen entsprechenden Kindergarten, dann auf eine Bekenntnisschule und kann schließlich seine Lehre bei einem konfessionellen Wirtschaftsunternehmen absolvieren oder studiert an der katholischen Universität Eichstätt.
Dann wird man einer der 1,35 Millionen konfessionellen hauptamtlichen Mitarbeiter in Deutschland, lässt sich in kirchlichen Einrichtungen weiterbilden, hat sein Gehaltskonto bei einer kirchlichen Bank, baut sein Haus auf einem kirchlichen Erbbaugrundstück oder bewohnt eine der 150.000 Mietwohnungen im kirchlichen Besitz.
Im Fernsehen sieht man eine der zahlreichen Kirchensendungen und trinkt dazu Klosterbräu oder Wein von kirchlichen Weingütern. Als Kaffee, Tee oder Orangensaft darf es dann natürlich nur der von TransFair sein und beim Verreisen wohnt man dann in kirchlichen Familienferienstätten oder christlichen Hotels. Natürlich kann man auch auf die Malediven mit einem kirchlichen Reisebüro verreisen, während die Kinder im christlichen Zeltlager untergebracht werden.
Kulturell ist man im Kirchenchor aktiv oder spielt die Posaume mit christlichem Zungenschlag und für das soziale Engagement wird man einer der 1,3 Millionen Ehrenamtlichen im Dritte-Welt-Laden, bei der Bahnhofsmission oder im Kirchenvorstand.
Gut aufgehoben ist man dann noch in Frauenkreisen und schließlich in der Seniorenakademie oder im konfessionellen Altenheim, bis dann der Pastor oder Pfarrer die letzten Worte spricht.
Die einzigen Wirtschaftsunternehmen, die nicht von der Kirche betrieben werden, sind Beerdigungsunternehmen und Bordelle.

Konzern Kirche ?

Die Existenz aller dieser Einrichtungen, Werke, Unternehmen wird nicht in Frage gestellt, doch es gibt die Auffassung - da alle diese Einrichtungen selbständige Rechtsträger sind - es schon allein deshalb noch nicht einmal eine Kirche als Gesamt-Organisation gibt. Die gegenteilige Auffassung wird allerdings auch von Bischöfen vertreten, die stolz von einem "Konzern Kirche" sprechen und damit nicht nur die "verfasste Kirche" meinen - das sind die Landeskirchen/Bistümer, Kirchenkreise/Dekanate und die Kirchengemeinden - sondern auch alles außerhalb dieser Kirche zu einer Gesamtorganisation zusammenfassen.
Wir wollen uns nun nicht auf die juristischen Finessen einlassen, ob man die verschiedenen Rechtsformen einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, eines eingetragenen Vereins, einer Genossenschaft, einer GmbH oder einer Stiftung als Gesamtheit zusammenfassen kann, sondern blicken einfach schlicht in das Adressenwerk der evangelischen Kirche und in das Adressbuch für das katholische Deutschland und da finden wir sie alle wieder: die Banken, Versicherungen, Siedlungsgesellschaften, Reisebüros. Also bleiben wir bei dem Konzern.
Allerdings ist dieser Konzern nur von der Anzahl der 1,354 Millionen Mitarbeiter als solcher zu bezeichnen, denn von einem Konzern würde man nicht nur eine Konzernleitung und eine Konzernbilanz erwarten, sondern auch, das er alle seine Mitarbeiter selber bezahlt. Das tun die Kirchen und ihre Einrichtungen aber nicht. Nur 220.000 (oder 16 %) werden von der verfassten ,Amtskirche' bezahlt, 223.000 (oder 17 %) direkt aus staatlichen Steuermitteln, weitere 802.00 (60 %) aus öffentlichen Geldern der Kranken- und Pflegekassen sowie Sozialversicherungsträger und 109.000 (oder 8 %) finanzieren sich aus Spendengeldern oder eigener Wirtschaftstätigkeit.

Kirche und Staat

Laut Grundgesetz Artikel 140 besteht in Deutschland keine Staatskirche.
17 Milliarden DM haben die beiden Kirchen an Kirchensteuern eingenommen. Die gleiche Summe noch einmal aus Entgelten, Spenden, Zuschüssen und Zinsen aus Vermögen.
Zu diesen 34 Milliarden legt der deutsche Staat noch zusätzliche 39 Milliarden DM darauf, indem er mit 19 Milliarden konfessionelle Einrichtungen und Tätigkeiten finanziert oder bezuschusst: konfessionelle Kindertagesstätten , Konfessionsschulen, Militärseelsorge, Ausbildung des theologischen Nachwuchses, Erteilung des christlichen Religionsunterrichtes.
Weitere 20 Milliarden DM sind Einnahmen, auf die unser Staat zugunsten der beiden Kirchen verzichtet. Allein die volle steuerliche Absetzbarkeit der gezahlten Kirchensteuer von der Einkommensteuer bedeutet einen Einnahmeverlust von 6,8 Milliarden DM Steuereinnahmen. Die Kirchen (und ihre Werke und Einrichtungen) sind als Körperschaften des öffentlichen Rechts von allen Steuern und Gebühren befreit.
In diesen Summen sind das Diakonische Werk und die Caritas noch nicht berücksichtigt, die vollständig aus öffentlichen Geldern finanziert werden.

Wo Kirche drauf steht, ist zwar immer Kirche drin, aber nicht immer von ihr bezahlt.

Nun kann man einwenden, dass ein Teil dieser Kostenübernahmen dadurch begründet ist, dass es gesamtgesellschaftliche Aufgaben sind, die jedem Träger erstattet werden. Dabei wird allerdings übersehen, dass die konfessionellen Einrichtungen ein "Kombiprodukt" anbieten: Nicht nur die pädagogische oder medizinische Versorgung, sondern gleichzeitig ist immer das religiöse Angebot der christlichen "Nächstenliebe" integraler Bestandteil, mit anderen Worten: Christliche Mission oder "Neuevangelisierung Deutschlands". Denn was viele nicht wissen, aus kirchlicher Sicht (beider Kirchen) gehört Deutschland zu den Missionsgebieten auf dieser Welt.
Doch auch in der internationalen Mission findet dieser Etikettenschwindel statt. So wird das "Bischöfliche Hilfswerk Misereor", zu 49 Prozent aus Staatsgeldern, zu 42 Prozent aus Spenden der Bürger und nur zu 8 Prozent aus diözesanen Mitteln finanziert.

Wo Kirche drin ist, muss nicht immer Kirche drauf stehen.

Normalerweise sind konfessionelle Einrichtungen, Werke oder Unternehmen daran zu erkennen, dass sie sich "evangelisch" oder "katholisch" nennen.
Daneben, und gerade im Wirtschaftsbereich, wird dieser Zusatz häufig "vergessen", so dass die konfessionelle Trägerschaft oder das konfessionelle Eigentum für Außenstehende nicht zu erkennen ist. Aus der Vielzahl dieser Unternehmen ein paar Beispiele.
Die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH ist die größte der 51 katholischen Siedlungsgesellschaften und hat 75.000 Wohnungen und Häuser gebaut. 52.000 Einheiten wurden verkauft, was nach heutigen Preisen einen Umsatz von 12 Milliarden DM bescherte, und 23.000 befinden sich aktuell im Eigentum der GmbH. Gesellschafter dieser Firma sind die Erzbischöflichen Stühle zu Köln, Paderborn, Münster und Aachen sowie das Bistum Essen. Da die Bischöflichen Stühle eigene Rechtsträger sind, hat noch nicht einmal der Diözesanrat der Diözesen Einblick in die Finanzen und das Vermögen.
Die DEFO (Deutsche Fonds für Immobiliensondervermögen GmbH) nennt sich selber "ein Spezialkreditinstitut im Konzerverbund der DG (Deutschen Genossenschaftsbank) für institutionelle Anleger." Tatsächlich ist es eine Kapitalanlagegesellschaft für Immobiliensondervermögen der evangelischen Landeskirchen (Fondsvolumen 2,5 Milliarden DM) und das konfessionelle Pendant zur Aachener Grundvermögen Kapitalanlagegesellschaft mbH, das seine Aufgabe darin sieht für katholische "kirchliche Vermögensträger eine Anlage von Substanzvermögen in Immobilien" zu realisieren. (Fondsvolumen ebenfalls 2,5 Milliarden DM.) Bei den Ökologischen Investmentfonds muss man schon die Abkürzungen kennen, um zu wissen, dass es sich bei dem KD Fonds Oeko-Invest, dem EKK Global Ethic Zertificat und dem KCD-Union Aktien Nachhaltig DJSG-Index um konfessionelle Fonds handelt. Bei der KD handelt es sich um die Bank für Kirche und Diakonie, EKK ist die Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel und KCD ist ein Gemeinschaftsunternehmen aller elf Kirchenbanken mit der Bedeutung Kirche, Caritas und Diakonie.
Auch im Handel bestehen derartige konfessionell-ökumenische Unternehmungen. Die Gepa (Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt) wurde 1975 vom Kirchlichen Entwicklungsdienst der EKD, dem katholischen Hilfswerk Misereor, den Jugendorganisationen beider Kirchen sowie von kirchlichen Basisgruppen gegründet und handelt selber mit Kaffee, Tee, Kakao, Schokolade, Zucker, Honig und Kunsthandwerk.
Als die Gepa Anfang der neunziger Jahre erstmals rote Zahlen schrieb wurde der FAIRTRADE-Verein gegründet, der nur noch Handelskontakte vermittelt.
Parallel dazu entstand TRANSFAIR (Verein zur Förderung des Fairen Handels mit der "Dritten Welt" e.V.), der sein kostenpflichtiges TRANSFAIR-Siegel vergibt. Obwohl inzwischen rund 40 Organisationen Vereinsmitglieder sind, sitzen im Vorstand immer ein Vertreter von Brot für die Welt und Misereor. Von der Gestaltung des Siegels bis zur Öffentlichkeitsarbeit wurde immer der Eindruck erweckt, es handele sich um ökologische Produkte. Intern gab es zwar schon seit Mitte der neunziger Jahre heftige Kritik an diesem ,Etikettenschwindel', doch TRANSFAIR beendete alle internen Diskussionen mit dem Hinweis, diese Forderungen seien eine Form des "Öko-Kolonialismus". Erst als eine Reportage des ZDF-Magazins Frontal in Ghana (Kakao-Anbau) recherchierte und über den Einsatz von Pestiziden sowie falsch geeichte Waagen berichtete und feststellte, dass TRANSFAIR mehr an Lizenzgebühren für das Siegel bekam als die Bauern vor Ort, bequemte sich die Organisation zuzugeben - nachdem sie in Gerichtsverfahren gegen das ZDF unterlegen war -, dass es sich bei dem Siegel um ein "Sozial-Siegel" handele.

Das Kirchen-Puzzle-Spiel

Die vehementeste Kritik von Seiten der Kirchen gegen das Buch begründet sich in der Auffassung, dass z.B. die genannten Wirtschaftsunternehmen gar nicht zur Kirche gehören würden und unzulässigerweise etwas zusammengezählt wird, was nicht zusammen gehört.
Damit bestätigt sich allerdings nur meine Erfahrung, mit vielen aufgeführten Bespielen, dass von Seiten der Kirchen, je nach Absicht, die Zugehörigkeit von Organisationen zur (verfassten) Kirche mit großer Beliebigkeit gehandhabt wird. Manchmal gehören Diakonisches Werk, CVJM, Christoffel Blindenmission, Kirchentag, Siedlungsgesellschaften, etc. nicht zur Kirche, dann werden sie wieder - unter dem Motto: "Was wir doch alles für die Gesellschaft, die Kinder, die Jugend, die Notleidenden, tun" - schlicht und umfassend als Dienste und Werke der Kirche aufgelistet.
Diese Aufsplitterung in diverse Rechtsträger hat dabei den großen Vorteil, dass immer dann, wenn es keine Probleme gibt, alle eine große Familie sind. Wenn jedoch etwas schief geht, ist das Zweigunternehmen schuld und muss die Folgen alleine tragen: Ende der Solidarität oder "gelebtes Christentum" pur, wenn es sich um die Finanzen handelt.

© bei Carsten Frerk 2/2002

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