Kirchenbanken in Deutschland

Das sichtbare und unsichtbare Kapitalvermögen der beiden großen Amtskirchen in Deutschland.

"Geld ist Macht. Sollte es jemand leugnen, müßte man prüfen, ob er wegen mangelnder Eignung und Heuchelei zu entlassen ist."[1]
Eine Aussage, die dem Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff zugeschrieben wird und die in Bezug zu setzen ist mit der allgegenwärtig proklamierten "Armut der Amtskirchen" - die Stellen kürzen müssen und noch nicht einmal mehr in der Lage seien, die geringfügigen Zuschüsse zu ihren konfessionellen Kindertagestätten und Schulen aufzubringen. Lässt sich diese "Armut" der Kirchen bestätigen?

Dabei würde eine Beschränkung auf die "verfassten Kirchen", d.h. nur die römisch-katholischen und EKD-Kirchengemeinden mit ihren Dachverbänden allerdings zu kurz greifen. Die "Kirchen" sind organisatorisch ein Konglomerat aus schätzungsweise rund 50.000 eigenständigen Rechtsträgern - mit mehr oder weniger eigener Finanzhoheit - von denen wesentliche Teile als eingetragene Vereine (Diakonie, Caritas, Hilfs- und Missionswerke), Vereine auf Gegenseitigkeit und Genossenschaften (Banken, Versicherungen, Siedlungsgesellschaften, Orden) oder Wirtschaftsbetriebe im Eigentum der Kirchen (Verlage, Druckereien, Medienunternehmen, etc.) aus der "verfassten Kirche" ausgegliedert sind Wir werden uns in dieser Hinsicht am inhaltlichen Selbstverständnis der beiden Amtskirchen orientieren, in deren Adressbüchern die Kirchenbanken als (evangelisch) "Kirchliche Zweckverbände" oder (katholisch) "Sonstige Arbeitsbereiche und Zusammenschlüsse" aufgelistet werden. Wo haben die Kirchen ihr Bargeld deponiert? Weder in Truhen noch in violetten Strümpfen, sondern dort, wo es auch jeder Normalbürger liegen hat: bei einer Bank. Eine Besonderheit ist dabei jedoch, dass in Deutschland elf direkte Kirchenbanken bestehen, die allerdings außerhalb der Amtskirchen und ihrer Werke recht unbekannt sind.

BKD: Bank für Kirche und Diakonie eG (Duisburg)
DGM: Evangelische Darlehns-Genossenschaft eG (Münster) Sie ist die Hausbank in Westfalen, Lippe und der reformierten Kirche.
EDG: Evangelische Darlehnsgenossenschaft eG (Kiel, Berlin)
EKK: Evangelische Kreditgenossenschaft eG (Kassel, Eisenach, Frankfurt, Hannover, Karlsruhe, Speyer, Stuttgart, Wien)
LKG: Landeskirchliche Kredit-Genossenschaft Sachsen eG (Dresden)
ACREDOBANK (Bis 30.6.2000 SKB: Spar- und Kreditbank in der evangelischen Kirche in Bayern eG (Nürnberg, München, Neuendettelsau, Rummelsberg, Schwerin )

Katholische Banken:
BBE: Bank im Bistum Essen eG (Essen)
BKC: Bank für Kirche und Caritas eG (Paderborn)
DKM: Darlehnskasse Münster eG (Münster)
LIGA Spar- und Kreditgenossenschaft eG (Regensburg, Augsburg, Bamberg, Dresden, Eichstätt, München, Nürnberg, Passau, Regensburg, Speyer, Stuttgart, Würzburg)
PAX-Bank e.G. (Köln, Aachen, Berlin, Erfurt, Essen, Mainz, Trier, Rom )

Auf die Einbeziehung von weiteren direkt kirchlichen Banken, die aber nicht zum Raum der beiden großen Amtskirchen gehören, soll verzichtet werden. Dabei handelt es sich u.a. um die: Spar- und Kreditbank Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden eG (Homburg v.d.Höhe), und die Spar- und Kreditbank des Bundes freier evangelischer Gemeinden eG (Witten). Ebenso das Missionssparinstitut der Steyler Missionare (St. Augustin), "die Bank mit doppelt guten Zinsen!", da ein Teil der Zinsen für die Missionsarbeit der Steyler Missionare gespendet wird.

Alle haben die Rechtsform einer (steuerbegünstigten) eingetragenen Genossenschaft mit beschränkter Haftung (eG) und gehören dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V. an. Fasst man unter dem Begriff Kirche auch ihre Werke und Zweckverbände, so ist eine elfte Bank (zu zwei Dritteln) noch als Kirchenbank anzusehen, die: BfS: Bank für Sozialwirtschaft AG (Berlin und Köln, Brüssel, Dresden, Erfurt, Essen, Hannover, Karlsruhe, Leipzig, Magdeburg, Mainz, München, Stuttgart) an deren Kapital die Caritas und das Diakonische Werk zu jeweils einem Drittel beteiligt sind.

Bis auf die drei Zweigstellen im Ausland (Brüssel, Wien, Rom) liest sich die Liste der Niederlassungen und Zweigstellen wie das beinahe vollständige Verzeichnis der deutschen Bischofssitze. Schon darin zeigt sich die Besonderheit dieser Kirchenbanken, die teilweise schon sehr lange bestehen (PAX-Bank: 1917, ACREDO: 1922, LKG: 1925, DGM: 1927) und als Wirtschaftsverband oder Darlehns-Genossenschaft für kirchliche und karitative Rechtsträger gegründet wurden. Mit anderen Worten: Die Zahl der Mitglieder war von Beginn auf konfessionelle Körperschaften beschränkt, so dass sich ein großes Filialnetz erübrigte. Somit haben die Kirchenbanken seit ihrer Gründung eine Struktur, die von den deutschen Großbanken derzeit angestrebt wird: Die Beschränkung auf kapitalkräftige Großkunden und die Ausgliederung des kostenintensiven Massengeschäfts mit Kleinkunden. Auch wenn die Banken sich heute für kirchliche Mitarbeiter (auch ehrenamtlichen) als Mitglieder geöffnet haben, ist die institutionelle Struktur eindeutig. So hat die BBK (Bank im Bistum Essen) zwar nur 612 institutionelle Mitglieder (= 26,8 % aller 2.307 Mitglieder), die jedoch über 92,7 % aller Kundeneinlagen verfügen. Die Privatkunden haben eine durchschnittliche Einlage von DM 136.637, die institutionellen Kunden jedoch von DM 4.763.999.[2]

Zudem operieren die Banken in gegeneinander abgegrenzten Arealen der Landeskirchen / Diözesen. So wurde den Kirchengemeinden in der Landeskirche Mecklenburg vom Kirchenamt in Schwerin untersagt, mit der EDG (Evangelische Darlehnsgenossenschaft, Kiel und Berlin) Geschäftsbeziehungen aufzunehmen.[3] Die bayerische ACREDOBANK (bis Juni 2000: SKB, Spar- und Kreditbank in der evangelischen Kirche in Bayern eG, Nürnberg) hatte in Schwerin bereits eine Niederlassung begründet. (Bis auf die Landeskirche in Sachsen, die seit 1925 eine eigene Kreditgenossenschaft besitzt, sind nach 1989 alle ostdeutschen Landeskirchen und Diözesen von westdeutschen Kirchenbanken ,übernommen' worden.)
Aufgrund der Beschränkung auf Großkunden und dem Gebietsschutz bieten die Kirchenbanken ihren Mitgliedern ziemlich identische Konditionen: Keine Kontoführungsgebühren, keine Bearbeitungsgebühren und niedrigere Zinsen für Darlehen, bessere Verzinsung der Einlagen und jährlich 7 % Dividende auf die Geschäftsanteile. Die EDG erklärte, dass sie damit ihren Kunden in dreißig Jahren DM 443 Millionen erspart habe, die sie für Kontenführung und andere Zinssätze bei einer normalen Geschäftsbank hätten bezahlen müssen.[4] Entsprechend erfreuen sich die Kirchenbanken einer größer werdenden Beliebtheit, was sich z. B. in den Bilanzsummen von vier ausgewählten Banken im Vergleich von 1967 zu 2000 zeigt:

Bank 1967 2000
DKM 174 Mio. 4.202 Mio.
BBE 41 Mio. 3.757 Mio.
LIGA 140 Mio. 4.264 Mio.
PAX 43 Mio. 2.511 Mio.
Summe 398 Mio. 14.734 Mio.

Für unsere Frage des Kapitalvermögens sind jedoch die Kundeneinlagen die relevante Information. Betrachten wir dafür die letzten vier Jahre von 1997 bis 2000 etwas genauer. Seit 1977 (DM 34,5 Milliarden Kundeneinlagen) erhöhen sie sich jährlich kontinuierlich um rund drei Milliarden Mark. (vgl. dazu die Übersicht auf der folgenden Seite). Der geringere Anstieg von 1999 auf 2000 täuscht allerdings, da in den Geschäftsberichten der Banken durchgehend beschrieben wird, dass die Mitglieder/Kunden in 2000 mit großer Vehemenz ihre internen Aktiendepots gefüllt hätten, deren Höhe für die Kirchenbanken jedoch bilanzunwirksam sind. Was auf den ersten Blick als Verringerung der Vermögensaufstockung aussieht ist also nur eine ,unsichtbare' interne Verlagerung der Vermögensaufstockung - bei sinkenden Kirchensteuereinnahmen einer armen Kirche. Nach verschiedenen Angaben in den Geschäftsberichten der Kirchenbanken bewegen sich die Kapitalanlagen ihrer Mitglieder in den (unsichtbaren) Depots auf 15 bis 20 Prozent ihrer Geldeinlagen. Damit erhöht sich das Kapitalvermögen bei den eigenen Banken um weitere DM 6,3 bis 8,4 Milliarden, also (in 2000) auf rund DM 50 Milliarden.

Übersicht: Geldeinlagen bei den Kirchenbanken 1997 bis 2000 (in TDM)

Bank 1997 1998 1999 2000
BKD, Duisburg 3.275.947 3.471.601 3.609.493 3.641.170
EDG, Kiel * 6.395.662 6.934.500 7.530.701 7.633.134
EKK, Kassel * 5.130.486 5.524.988 5.857.299 5.701.674
DGM, Münster * 2.335.827 2.552.002 2.814.154 2.964.593
LKG, Dresden 601.821 615.239 642.274 687.464
SKB/ACREDO, Nürnbg* 1.193.094 1.276.586 1.364.909 1.331.579
Evgl. Banken 18.932.837 20.374.916 21.818.830 21.959.614
BBE, Essen * 1.739.947 2.247.216 2.877.470 3.146.845
BKC, Paderborn 3.310.000 3.522.594 3.879.847 4.039.758
DKM, Münster * 2.793.989 3.157.047 3.678.572 3.971.269
LIGA, Regensburg * 3.555.298 3.868.572 4.019.248 4.264.420
PAX, Köln 1.935.523 2.089.380 2.141.501 2.121.285
Kathol. Banken 13.334.757 14.884.809 16.596.638 17.543.577
BfS, Köln (2/3)* 2.233.152 2.297.740 2.412.053 2.433.192
Alle Banken 34.500.746 37.557.465 40.827.521 41.936.383
Erhöhung der Geldeinlagengegenüber dem vorigen Jahr um TDM:
Evangelische Banken 1.442.079 1.443.914 140.784
Katholische Banken 1.550.052 1.711.829 946.939
Bank für Sozialwirtschaft 64.588 114.313 21.139
Insgesamt 3.056.719 3.270.056 1.108.862
* Alle Kundengelder: Spareinlagen, Täglich fällige Einlagen, Befristete Einlagen plus Inhaberschuldverschreibungen der Banken.

Da die Kirchenbanken ihre Geschäftsberichte veröffentlichen, findet die Unterstellung, sie seien gegründet worden, damit die Kirchen besser verschweigen könnten, wie viel Kapitalvermögen sie dort angesammelt haben[5], keine Bestätigung. Wenn sie das wollten, führen sie ihre Konten bei einer normalen Geschäfts- oder der Postbank, da sie dort anonym bleiben. Da jeder konfessionelle Rechtsträger, also alle Kirchengemeinden, jeder Kirchenkreis und jedes karitative Werk oder Einrichtung frei ist, das Konto dort anzulegen, wo man will, sind die Kirchenbanken nur ein Ausschnitt von Bankverbindungen der Kirchen und ihren Einrichtungen.
Eine zufällige Auswahl von dreizehn kirchlichen Einrichtungen zeigt, dass sie über neunzehn Konten verfügen, von denen aber nur sechs eine Bankverbindung mit einer Kirchenbank sind. Mit anderen Worten: Zwei Drittel der Konten kirchlicher Rechtsträger sind bei den DM 50 Milliarden Kundeneinlagen bei den Kirchenbanken nicht erfasst. Das lässt den Schluss zu, dass das unsichtbare Kapitalvermögen kirchlicher Einrichtungen sich um weitere DM 100 Milliarden erhöht, also insgesamt ein Kapitalvermögen in der Größenordnung von DM 150 Milliarden im Raum der Kirchen vorhanden ist.
Dafür, dass diese Schätzung nicht ,aus der Luft gegriffen ist', zwei weitere Hinweise.
Erstens: Für 1993 wird für die Zinserträge aus Vermögen nur der "verfassten Kirche" (also ohne Diakonie, Caritas, Verlage, Siedlungsgesellschaften, etc.) eine Summe von DM von 5,1 Milliarden angegeben.[6]
Auf der Basis von durchschnittlich 4 % - Zinssatz bedeutet das ein Vermögen nur der "verfassten Kirche" von bereits DM 127,5 Milliarden.
Zweitens: Der katholische Sozialethiker Johannes Hoffmann (Theologische Fakultät der Johann Wolfgang Goethe - Universität, Frankfurt am Main), der im Auftrag der Franziskaner Kriterien für ein ,Ethisch-ökologisches Rating' bei Aktienanlagen erarbeitete, schätzt die Summe, die Kirchen und kirchliche Einrichtungen zurzeit bei Banken angelegt haben, auf eine Größenordnung "im guten dreistelligen Milliardenbereich". Diese Schätzung "erscheint Herborg (Leiter der Finanzabteilung der Evangelischen Kirche) allerdings ,abenteuerlich'."[7]
Wie wenig allerdings kirchliche Amtsträger über die Vermögenslage auch ihrer eigenen Organisation Bescheid wissen, darauf verweist die Antwort des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Manfred Kock, der auf die Frage, ob die Kirchen angesichts der geringeren Kirchensteuereinnahmen nicht auf ihr Vermögen zurückgreifen könnten, antwortete: "Das Vermögen der evangelischen Kirche wird überschätzt. Wir verfügen nur über die uns gesetzlich zustehenden Rücklagen, die drei Monate reichen."[8] Das wäre etwa ein Kapitalvermögen von DM 4,5 Milliarden - während allein bei den evangelischen Kirchenbanken DM 22 Milliarden Kirchengelderliegen.
Wusste er es nicht besser? Nach meinen Recherchen bin ich zu der Überzeugunggekommen, dass dies wahrscheinlich zutrifft, denn eines der verblüffendstenErgebnisse während meiner Recherche war die immer wieder feststellbareTatsache, dass jeder Rechtsträger nur etwas über sich selber sagenkonnte und kein zusammenfassender Überblick vorhanden ist.
Allerdings ist auffallend, dass von der EKD zu anderen VermögensbeständenAngaben veröffentlicht werden, die objektiv nicht stimmen. So wirdin den aktuellsten statistischen Informationen der konfessionelle Grundbesitz im Mai 2001 mit Zahlen von 1984 ausgewiesen - womit verschwiegen wird, dassdie Evangelische Kirche in den östlichen Bundesländern überrund das Doppelte dessen an Grundbesitz hinzu bekommen hat, was sie bisher in den westlichen Bundesländern besaß und damit rund zwei Drittel des Grundbesitzes der beiden großen Amtskirchen besitzt. Eine Frage,mit der sich ein Artikel im nächsten MIZ-Heft beschäftigen wird, denn die Zahlen für den evangelischen wie katholischen Grundbesitz in Deutschland sind sehr genau zu beziffern.

© bei Carsten Frerk 1/2002


[1] Hanspeter Oschwald, Vatikan - die Firma Gottes. München, Piper, 2000, S. 150.
[2] Bank im Bistum Essen,
Geschäftsbericht 2000, Seite 16 und 19.
[3] Evangelische Darlehnsgenossenschaft eG,
1968-1998, 30 Jahre Erfolg einer Bank, S. 33.
[4] Evangelische Darlehnsgenossenschaft eG,
1968-1998, 30 Jahre Erfolg einer Bank, S. 25.
[5] So noch 1969 Klaus Martens,
Wie reich ist die Kirche? Der Versuch einer Bestandsaufnahme in Deutschland, München, Moderne Verlags GmbH, 2. Auflage 1969, S.129
[6] Gerhard Besier,
Konzern Kirche, Das Evangelium und die Macht des Geldes, Neuhausen-Stuttgart, Hännsler, 1997, Seite 26/27.
[7]
Der Tagesspiegel vom 1.3.2000 (Ethisches Investment).
[8]
FOCUS Nr. 49/1998 vom 30.1.1998 (Wir müssen Leistungen einschränken, FOCUS Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden.)

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