Mayer’s Ltd.

 

Der Mensch will etwas Gutes und erreicht das Gegenteil... Vielleicht liegt es schlicht daran, dass wir – als Amateure in Fragen des Lebens – nicht professionell genug angehen, was sorgfältiger, vorausschauender geplant werden müsste?

Vielleicht gehen wir viele Dinge auch zu emotional an, anstatt wie ‚richtige’ Männer ‚cool‘ zu bleiben und an die Zukunft zu denken?

 

1.

„Goldwyn soll Ike anrufen! Ich habe keine Lust, mich hier mit untergeordneten Kommandeuren herumzuschlagen! General Eisenhower soll diesen Typen mal als Oberbefehlshaber den Marsch blasen, dass wir hier im nationalen Interesse arbeiten!“

Colonel Mayer warf den Telefonhörer auf die Gabel und schnaufte wütend weiße Wolken aus seiner Havanna. Er war es tatsächlich leid, sich mit diesen aufgesternten Reserve-Chargen abzuärgern.

Lieutenant Mockingbird blickte um die Ecke, sah den paffenden, fetten Colonel in seinem Ledersessel und seufzte, es war mal wieder dicke Luft. Sie öffnete die beiden oberen Knöpfe ihrer Bluse, Mayer mochte das - sie konnte das, mit ihrer Figur und den langen Beinen, die jeden Soldaten die Luft anhalten ließ -, und eigentlich hatte sie Filmschauspielerin werden wollen, doch dann kam der Krieg und ihr Chef dazwischen und sie war vor Colonel Mayers Schreibtisch und in seinem Bett auf Warteposition gegangen.

„Gladis! Wie sieht die Liste heute aus?“

Lieutenant Mockingbirds Mundwinkel zauberten sofort kleine Lachfalten. Wenn er sie Gladis nannte, brauchte er sie – „Mockingbird!“, hieß Rüffel – „Darling!“, bedeutete Bett – „Gladis“, war neutral, er wollte nur sachlichen Zuspruch.

Sie holte ihren Schreibblock, las: „Zwanzig Kübelwagen, zehn Kräder, dreißig LKW’s, einen Tiger und ein notgelandetes Flugzeug, eine JU 52.“

Colonel Mayer kaute auf seiner Zigarre: „Was soll ich mit einer JU 52?“ Er blickte auf. „Hat das alliierte Hauptquartier schon bekannt gegeben, wann diese verdammten Krauts endlich kapitulieren werden?“

Ltd. Mockingbird schüttelte den Kopf: „Man rechnet damit, dass sie noch eine Woche, vielleicht zwei, möglicherweise noch dreißig Tage durchhalten werden.“

Mayer zerquetschte ärgerlich seine Zigarre im Aschenbecher: „Was ist das für ein Scheißkrieg, wenn die ihre Termine nicht einhalten!“

Ltd. Mockingbird zuckte mit den Schultern: „Es soll an irgendeiner Brücke am Rhein Probleme geben, Amhaim oder so ähnlich...“ - Colonel Mayer knurrte: „Die Brücke von Arnheim!“ - Gladis ließ sich nicht irritieren: „Anscheinend haben unsere Leute nicht gewusst, dass auf der anderen Seite der Brücke eine komplette Waffen-SS-Panzerdivision in Stellung gegangen ist.“

Colonel Mayer schnaufte wieder, kramte nach einer neuen Zigarre und knurrte: „Ich hab‘s dir immer schon gesagt: man sollte diesen Amateuren keinen Krieg überlassen! Die Abklärung der Location ist doch verdammte Basis für Arbeiten im Gelände! Wie können die denn eine ganze Panzerdivision übersehen?!“

Die Zigarre qualmte, er blickte plötzlich genüsslich gegen die Zimmerdecke: „SS hast du gesagt? Eine ganze Panzerdivision?“

Ltd. Mockingbird nickte.

„Mach mir mal eine Verbindung zu General Patton, ich muss mit ihm reden! Sofort!“

Gladis beeilte sich.

 

2.

„Ja! Mayer von MGM!“ ...

„Sie wissen nicht, was MGM heißen soll?“ ...

„Machine Gun Motions!“ ...

„Rufen Sie Eisenhower an, der wird Ihnen grünes Licht geben!“

Colonel Mayer war konsterniert. Warum, verdammt, wollte dieser Patton sich seiner Bitte verweigern, nicht alle Tiger-Panzer dieser Waffen-Waffen-SS-Division kaputt zu machen? Waren diese Kerle immer erst zufrieden, wenn sie alles kurz und klein geschossen hatten? „Gladis!“

Ihr Lockenkopf kam um die Ecke, dann war sie ganz zu sehen.

„Gladis - mach die Knöpfe der Bluse zu, es ist noch keine Mittagspause -, Jonny soll mit seinem Kamerateam losfahren und nachsehen, ob die Brücke von Arnheim für uns interessant ist.“

Gladis schloss die Knöpfe ihrer Bluse: „Wie viel Meter soll Jonny drehen?“

„Sag ihm, eine Rolle reicht!“

Gladis verschwand, Mayer paffte.

Leider konnte man sich auf das Filmmaterial der offiziellen Kriegsberichterstatter nicht verlassen. Die hummelten zwar zu Dutzenden herum, aber leider eben nur Wochenschauformat.

Vielleicht war es als Dokumentationsmaterial zu gebrauchen.

 

3.

„Die müssen verrückt sein, die Krauts!“ Es hatte durchaus den Anschein, dass ein Beiklang der Bewunderung in seiner Stimme mitklang.

Zufrieden stolzierte Colonel Mayer durch das große Heeresdepot in Köln. Die gesamte Ausrüstung für mehrere Bataillone, die neu aufgestellt werden sollten und er hatte alles sofort beschlagnahmt. Er deutete zur Wand der Lagerhalle hinauf: „Was haben die dort geschrieben?“

Major Goldstein, der im Zivilberuf als Professor in Princeton europäische Geschichte lehrte und ihm als Dolmetscher zugeteilt war, kniff die Augen zusammen - Frakturschrift war ihm nicht sehr vertraut - dann hatte er es entziffert: „Führer befiehl! Wir folgen dir!“

„Fotografieren!“ Mayers Laune wurde besser und besser: „Gibt es hier einen Lagerverwalter?“

Aus einer Gruppe Männer in deutschen Uniformen, die von GI’s bewacht wurden, ließ Major Goldstein einen Mann herbei holen, der vor ihnen Männchen machte.

Interessiert musterte Colonel Mayer das unterwürfige Gesicht: Das war also einer von denen, die diesem Hitler folgen wollten! „Gibt’s hier eine Inventarliste?“ Major Goldstein übersetzte.

„Jawohl, Herr General!“

Auch wenn Mayer kein Deutsch konnte, das hatte er verstanden: „Colonel!“ knurrte er. Er legte keinen Wert darauf, mit diesen Politikern und Kongressabgeordneten in einen Topf geworfen zu werden, die als Reserveoffiziere im Generalsrang die Fronten unsicher machten. Seiner Meinung nach blutige Amateure!

Major Goldstein schickte den Lagerverwalter mit zwei GI’s in sein Büro, damit der seine Inventarlisten holte.

Mayer blickte herum, bedauerte zutiefst, dass Ltd. Mockingbird ihre Uniformjacke tragen musste, andererseits wurde ihm bewusst, dass es auch gut war, wenn hier alles gut verpackt war und nur auf seinen späteren Gebrauch wartete.

Der Lagerverwalter erschien mit seinen Listen, trug vor, Major Goldstein übersetzte, Colonel Mayer hörte zu. Die Liste war lang. Sehr lang.

„Keine Offiziersuniformen?“

Der Lagerverwalter erklärte, dass die deutschen Offiziere nur maßgeschneiderte Uniformen tragen würden, nichts von der Stange.

Das verstand Colonel Mayer. Das war auch in Ordnung. Offiziere mussten auch im Kino gut aussehen und ihre Uniformen tadellos passen, sonst war die ganze Wirkung hin.

 

4.

Sorgsam studierte der Colonel abends im Bett die Liste ihres Sammelsuriums. Dreißig Tiger-Panzer, die General Patton freundlicherweise heil gelassen hatte, fünf Jagdpanzer, vierzig Lastwagen, ..., fünftausend Heeresuniformen, zweitausend Uniformen der Waffen-SS, einschließlich Stiefeln und Stahlhelmen.

Luftwaffen- und Marineuniformen waren nicht dabei: das störte ihn nicht. Luft- und Seeschlachten waren zu kostenintensiv, die sprengten jedes Budgets, das er genehmigt bekommen würde - außerdem hatte er keine Flugzeuge oder Schiffe organisieren können. Die einzige JU 52, die er hatte, würde er in seinem Garten aufstellen. Nur wenige brachten ihren Familien so etwas mit nach Hause. Seine Frau und die Kinder würden stolz sein.

Colonel Mayer tätschelte zufrieden den nackten Arsch von Gladys Darling. Das Material, das er nun zusammen hatte, würde für mindestens dreißig bis fünfzig Filme über diesen Krieg reichen. Damit war sein Job als Filmproduzent für die nächsten zwanzig Jahre gesichert. MGM hatte eine authentischere Ausstattung zusammen, die Paramount drehte in ihren Studios nur mit zusammengekleisterten Papp-Attrappen.

Er würde morgen an Goldwyn einen Brief diktieren, ein paar Plots vorschlagen. Vielleicht sollten sie auch einen Film über diesen General Patton drehen - nachdem der sich jetzt so kooperationswillig gezeigt hatte.

Der erste europäische Krieg von 1914/18, mit seinen depressiven Stellungskriegen, der hatte filmisch nur wenig hergegeben – dieser zweite weltweite Krieg wurde endlich von der heimischen Industrie gesponsert. Hollywood und die Rüstungsfirmen konnten den Japanern gar nicht genug danken, dass sie Pearl Harbour angegriffen hatten. Diese Kamikaze-Heinis: was für ein Filmstoff! Adel, Elite, Ehre und Tod - das allein war schon für mindestens fünf Filme gut.

Er würde noch herausfinden, welcher Filmausstatter auf deutscher Seite diese tollen schwarzen SS-Uniformen entworfen hatte, die silbernen Runen, die glitzernden Totenköpfe, die Eisernen und die Ritterkreuze, mit und ohne Brillanten - vielleicht sollte man ihn für einen Oscar vorschlagen?

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