Multadeus

 

Nun könnte man sicherlich meinen, der faule Macho auf dem Finnjet hätte, statt einen Brief zu schreiben, schließlich auch telefonieren können, dann hätte er auch ihre Stimme gekannt. Nun steht er da mit seinem Wissen, dass er der Gelackmeierte ist.

Aber, es ist seltsam, was hat sich eigentlich in seiner Erinnerung verschoben? Man liebt nur das, was man von dem anderen weiß, genauer, was man annimmt, von ihm zu wissen – und dann bekommt man eine Information, die alles auf den Kopf stellt? So etwas soll es geben.

 

1.

Außenwelt. Die Untergrundbahn drängte die Wärme, die sie bei der Einfahrt in den Tunnel verlassen hatte, vor sich her in die unterirdische Kühle des Tunnelsystems der Stationen.

Christa wandte ihr Gesicht dem warmen Luftstrom entgegen, mit dem der erste Waggon des Zuges aus dem Dunkel des Tunnels in das Licht des Bahnhofs einfuhr.

Wie an jedem Morgen jedes Werktages wartete sie an dem Ende des Bahnsteigs, den der einfahrende Zug immer als erstes erreichte. Dort war der warme Luftstrom noch zu spüren, bevor er sich in der Weite der Bahnhofshalle mit der kühleren Luft vermischte und sich dann verlor.

Die Poren der Haut, die sich während dieser heißen Sommertage in der Kühle des Untergrundbahnhofs entspannt verengt hatten, öffneten sich jedes Mal lustvoll in dem wärmendem Luftstrom, den der Zug von der Sonne her mit sich brachte.

Christa schloss die Augen, überließ sich den Empfindungen ihrer Haut, lächelte: Ist es heiß, will man’s kühler, ist es kühler, möchte man’s wärmer, dachte sie. Es ist der Reiz des Wechsels und des Unterschiedes, ging ihr durch den Sinn, als sie wieder die Augen öffnete.

Die meisten Waggons des Zuges waren schon an ihr vorbeigelärmt. Wie erwartet, kamen die hinteren Türen des letzten Waggons genau vor ihr zum Stehen. Sie hatte Wochen gebraucht, um diesen exakten Standort herauszufinden, für sich festzulegen.

Von der Markierung des Kurzzugs an der Tunnelwand, dort wo das Band der schwarz-weißen Markierungskacheln endete, hatte sie die Fugen der Steine in der Bahnsteigkante gezählt, um diesen Standort herauszufinden, bis sie eines Tages feststellte, dass die Fuge zwischen den langen Steinen der Bahnsteigkante an dieser Stelle eine ausgeschlagene Stelle hatte, die sie von allen anderen geraden Fugen unterschied. Also konnte sie das Zählen unterlassen, brauchte sich nur auf diese ausgeschlagene Fuge zu konzentrieren, um keine weiteren Schritte machen zu müssen, wenn die Waggons der Untergrundbahn zum Halten gekommen waren.

Lag es in der Ökonomie ihrer Arbeit als Architektin, nichts dem Zufall zu überlassen, sondern geplant, bewusst einen Standpunkt zu berechnen? Es war ihr egal. Sie trat zwei Schritte vor, sie hätte auch blind sein können, streckte die Hände nur geradeaus nach vorne und schob die Griffe der Türverrieglung nach beiden Seiten zurück.

Wie jeden Morgen spürte sie ihren Herzschlag schneller werden und wie sich ihr Atem beschleunigte. Sie betrat den Waggon, zwei Schritte und ihre aufkeimende Frage fand sogleich ihre Besänftigung. Sie schnaubte leise, schluckte erleichtert: Der Weiße saß, wie jeden Morgen an den vergangenen Werktagen der vergangenen Wochen, in diesem Waggon.

Stets saß er in der dritten Sitzbank, von der Tür aus gezählt, am Fenster, das auf dieser Station zur Tunnelwand zeigte, blickte gegen das dunkle Glas der Scheiben: Der ‚Weiße‘. So hatte sie diesen Mann für sich genannt.

Ihr anfängliches Befremden, als sie ihn vor ein paar Wochen, es musste Anfang Mai gewesen sein, zum ersten Mal auf ihrer Fahrt zur Arbeit erblickte, hatte sich im Laufe der Tage, der Wochen in Sympathie, in eine für sie nicht erklärliche Aufgeregtheit gewandelt.

Stets saß er in der dritten Sitzbank, von der Tür aus gezählt, am Fenster zur Tunnelwand. Stets hatte er dieses weiß geschminkte schmale Gesicht, zu dem der flache schwarze Hut, den er stets trug, das schulterlange schwarze Haar, das sein Gesicht umrahmte, einen krassen Kontrast bildeten. Stets hatte er einen kleinen Koffer bei sich, den er auf seinen Knien abgestellt, mit beiden Händen umfasst hielt.

Man hätte ihn für eine Schaufensterpuppe halten können, wie er so unbeweglich auf seinem Platz saß, den Kopf nicht umwandte, nur in das Dunkel der Fensterscheibe blickte.

Erst im Laufe der Tage, nachdem sie ihre Scheu überwunden hatte, zu ihm hinüberzublicken, bemerkte sie, dass die dunkle Scheibe, in die er stets so unbewegt schaute, der Spiegel für seinen Blick zu ihr war. So hatten sie sich stillschweigend geeinigt, sich jeden Morgen in der dunklen Spiegelung der Tunnelwand zu begegnen.

Christas erster Blick an diesem Morgen, wie jeden Morgen seit ihrer ersten Begegnung, betrachtet seinen Mund, und als sie das feine Lächeln in den Mundwinkeln erkennt – erst dann, nicht vorher –, blickt sie auf den Sitzplatz der ersten Sitzreihe auf der Bahnsteigseite in Fahrtrichtung, ‚ihren‘ Platz, wie sich herausgestellt hatte.

Heute ist es eine Margerite, die dort für sie liegt. Das kraftvolle Grün der Blätter, das intensive Gelb der weichen Blüten lassen den dunkelblauen, harten Plastikschalensitz noch lebloser, künstlicher erscheinen, als er es alleine schon ist.

Wie jeden Morgen umrundet Christa mit wenigen Schritten die Rückwand der Sitzbank, die seitliche Haltestange zur Wagenmitte, nimmt die Blume auf, setzt sich auf ihren Platz.

Dann, mit dem Anfahren der Untergrundbahn, sucht sie seinen Blick in der dunklen Spiegelung der Wagenscheibe, lächelt ihn an, schließt kurz die Augen, zwei Wimpernschläge lang, er antwortet ihr mit einem unmerklichen Zwinkern des rechten Auges.

Dann lehnt sie sich etwas seitlich zurück, so, dass sie mit dem Haar die Waggonwand berührt, ist ganz bei sich, genießt dieses Gefühl ihrer stillen Übereinstimmung.

Ein Unbeteiligter hätte nichts bemerkt. Auch wenn er aufmerksam gewesen wäre, hätte er nur einen seltsamen Mann mit auffallend weiß geschminktem Gesicht gesehen, der unbewegt aus einem Fenster blickte, in dem es nichts zu sehen gab, und eine Frau mit einer Blume auf dem Schoß, die, anscheinend noch etwas müde, vor sich hin döste.

Zwei Stationen, fünf Minuten, dann musste Christa aussteigen: Stephansplatz. Der ‚Weiße‘ blieb.

Ein kurzer Blick, ein unmerkliches Lächeln, sie ging bewusst langsam zum Ausgang, den ganzen Bahnsteig entlang. Am Kiosk kaufte sie immer die Morgenzeitung.

Wenn die Untergrundbahn wieder anfuhr, die Waggons noch langsam an ihr vorüber glitten, dann suchten, dann trafen sich ihre Blicke im direkten Ansehen.

Immer dann. Nur dann.

Ganz für sich, ganz bei sich ging Christa danach die Stufen der U-Bahn-Station hinauf, ein kurzes Stück die Esplanade entlang, rechts die Colonnaden hinunter bis zu dem Haus in dem im zweiten Stock ihr Büro lag.

Dort stellte sie die frische Blume des Morgens zu den anderen der vergangenen Tage, prüfte, welche Blüten in ihrer Vergänglichkeit die Köpfe hängen ließen, entnahm die Vergangenen der Vase, begann ihre Arbeit.

Immer erst dann. Seit ein paar Wochen. Seit Ende Mai.

 

2.

Bis zur U-Bahn hatte Christa sich beeilen müssen. Gerade als sie diesen Morgen ihre Wohnung verlassen wollte, klingelte das Telefon. Sie verlor drei Minuten, bis sie das Gespräch beenden konnte. Drei Minuten! Die U-Bahn würde nicht auf sie warten, sie wollte den Zug erreichen, der um 9 Uhr 47 abfuhr. Erst in diesem Augenblick, als ihr bewusst wurde, dass sie ‚ihren‘ Zug verpassen könnte, wurde ihr deutlich, wie sehr sich ihr morgendlicher Weg zum Büro verändert hatte.

Vor Wochen war es ihr egal gewesen, ob sie einen Zug früher oder später fuhr, sie war immer gegen zehn Uhr im Büro gewesen, mal ein paar Minuten früher, mal ein paar Minuten später, je nachdem welchen Zug sie erreichte.

Heute Morgen beeilte sie sich, rannte beinahe den kurzen Weg bis zur U-Bahn-Station. Es war ihr wichtig geworden, diesen Zug zu erreichen. Nur diesen Zug, mit ihm, im letzten Waggon die drei Stationen zu fahren.

Aufatmend holte sie tief Luft, als sie die Treppenstufen der Station hinunter gehastet auf die Bahnsteiguhr blickte: der große Zeiger sprang gerade auf 9.46. Sie lächelte befreit, lächelte über sich selbst. Wie ein Backfisch, dachte sie bei sich, Angst zu spät zum Rendezvous zu kommen!

Sie hatte diese Ängstlichkeit gespürt, fand sich dämlich, glücklich zugleich, ging langsam, sich auf die ausgeschlagene Fuge zwischen den Steinen der Bahnsteigkante zu konzentrieren, fand sie gleich, wartete. Sie erkannte die sich nähernden beiden Lichter des U-Bahn-Zuges, noch bevor sie das langsam lauter werdende Dröhnen der Motoren hörte, schloss die Augen, um sich ganz dem warmen Luftstrom zu überlassen, den Wind auf der Haut, in den Haaren zu spüren.

Der Zug rollte an ihr vorbei, kam zum Stillstand. Sie war versucht, mit geschlossenen Augen auf die Tür zuzugehen, so sehr fühlte sie sich in der Sicherheit geborgen, dass sich die beiden Türgriffe direkt vor ihr befanden, zwei Meter entfernt. Lächelnd unterdrückte sie diesen Impuls, öffnete die Augen, öffnete die Waggontüren, blickte in das Waggoninnere – irritiert – der Sitzplatz in der dritten Reihe auf der Tunnelseite war leer.

Mit zwei Schritten war sie zurück an der Tür, blickte aus dem Waggon heraus auf die Bahnsteiguhr, es war 9 Uhr 47, wie jeden Morgen jedes Werktages der vergangenen Wochen.

„Zurückbleiben, bitte!“, hörte sie die Stimme der Stationsaufseherin aus den Lautsprechern über den Bahnsteig hallen. Der Zug ruckte an, sie suchte Halt an der Griffstange der ersten Sitzbank vor ihr, als ihr Blick sich beinahe automatisch auf ‚ihren‘ Sitzplatz richtete. Eine rote Rose lag auf der dunkelblauen Plastikschale des Sitzes.

Er hat mir noch nie eine rote Rose geschenkt, dachte sie, als sie die Blüte aufnahm, sich wie jeden Morgen jedes Werktages der vergangenen Wochen auf ‚ihren‘ Platz setzte.

Er muss also in diesem Zug gewesen sein, wer sonst hätte die Blume dort hingelegt?

Planlos blickte sie in die dunkle Spiegelung der Fensterscheibe der dritten Sitzreihe schräg gegenüber.

Warum ist er nicht hier, wenn er hier war?

War gestern irgendetwas anders gewesen als sonst?

Habe ich irgendetwas gemacht oder vielleicht nicht getan, was ihn zurückgestoßen hat?

Warum zum erstenmal eine Rose? Und warum eine rote Rose?

Ist es eine neue Stufe im Spiel unserer wortlosen Übereinstimmung?

Beinahe hätte sie, in Gedanken versunken, vergessen am Stephansplatz auszusteigen, sprang im letzten Moment noch auf, kaufte eine Tageszeitung, ging ihren täglichen Weg ins Büro, war voller Fragen, Neugier, Ratlosigkeit.

 

3.

Christa hatte sich für Neugier entschieden. ‚Der Weiße‘ wollte eine neue Qualität, er sollte sie haben. Sie war gespannt, welche er ihr anbieten würde.

Am folgenden Morgen hatte sie sich überlegt, zwei Stationen früher einzusteigen, doch das, befand sie dann, war gegen die Regeln. Gegen ihre unausgesprochen, ungeschriebenen Regeln.

Erwartungsvoll wartete sie, dass der Zug einlief. Stand an ihrer Fuge, schloss diesmal nicht die Augen, ließ die Waggons an sich vorbeirollen, blickte schon von außen durch die Fensterscheiben in das Innere des Waggons. Er war nicht da.

Es lag auch keine Blume auf ‚ihrem‘ Platz.

Was sollte das bedeuten?

Will er mich aus meiner Reserve herauslocken?

Ist ihm etwas passiert?

Wie soll ich ihn denn erreichen?

Ich weiß doch überhaupt nichts von ihm. Morgens, an den Werktagen der vergangenen Wochen um 9 Uhr 47 an der Station Klosterstern in der dritten Sitzreihe, sitzt er am Fensterplatz zur Tunnelseite, im letzten Waggon, auf meinem Platz liegt eine Blume.

Sie war verwirrt.

Die Untergrundbahn fuhr wieder an. Ein kurzer Blick aus dem Fenster, es war die Station an der sie jeden Morgen ausstieg: Stephansplatz. Vorbei.

Christa fühlte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg, sie unterdrückt schnaufte, sie war zornig. Zornig auf sich selbst. Zornig auf diesen verdammten Kerl, von dem sie überhaupt nichts wusste, der ihr so wichtig geworden war und nun, wo er nicht mehr da war, wichtiger, als er noch da war.

Jungfernstieg! Christa beeilte sich, aufzustehen, auszusteigen. Der Weg bis zu ihrem Büro war nicht wesentlich weiter als von der Station Stephansplatz aus, aber es war ein anderer, als sie ihn geplant hatte, als sie ihn gewohnt war. Sie verspürte ein ungutes Gefühl, dass ihr Leben aus seinen wohl geplanten Bahnen glitt.

Die täglichen Blüten auf dem dunkelblauen Plastikschalensitz der Untergrundbahn hatten in ihr neue Überlegungen über das Verhältnis von Natur und Technik, von Lebendigem und Leblosem, von Mensch und Architektur angeregt. Aber die Planbarkeit, die Berechenbarkeit der Statik war immer das Fundament ihres Lebensgefühls gewesen. Nun hatte sie das Gefühl, dass dieses Fundament sich in einen dünnen Strohhalm gewandelt hatte. Einen Strohhalm, an den sie sich irritiert klammerte.

Sie hatte sich ihren Weg durch die flanierenden Menschen auf der breiten Promenade des Jungfernstieg gesucht, nach rechts, nach links geschaut, ohne hinzublicken.

Erst als sie im Büro ihren Computer einschaltete, der Rechner anlief, das Computerprogramm den Bildschirm aktivierte, sah sie in dem kurzen Moment des noch dunklen Bildschirms, in der mattgrauen spiegelnden Abdeckscheibe des Monitors, eine Menschengruppe vor dem Alsterhaus, die einen Kreis gebildet hatte: Einen Kreis, in dessen Mittelpunkt ein Straßengaukler stand, allein, mit roter Nase – sie stutzte – einem flachen Hut und – sie versuchte sich genau zu erinnern – einem weißen Gesicht.

Wie in ihrem Computer-Unterstütztem-Entwurfsprogramm zoomte sie sich dieses Gesicht aus ihrer flüchtigen Wahrnehmung der Szene in Großaufnahme. Es war der ‚Weiße‘, der dort als Straßengaukler vor dem Kaufhaus die Menschen um sich geschart hatte.

Christa überhörte das Piep, mit dem der Computer sich als betriebsbereit meldete.

War er es tatsächlich? Die Ähnlichkeit, der Hut, nein, nicht nur der Hut, die Haltung seines Körpers, diese lebendige Reglosigkeit, aber sie war doch zu weit entfernt gewesen, um es genau zu erkennen.

Der Computer hatte seinen Piep an diesem Morgen umsonst getan. Sie schaltete ihn aus, stellte nach einem kurzen Blick auf ihren Kalender fest, dass sie für diesen Vormittag keinen Termin eingetragen hatte, griff sich ihre Jacke, verließ das Büro, ging wieder hinaus, die Colonnaden hinunter, dem Kaufhaus entgegen.

Mein lieber Scholli-Schinksi, war ihr zorniger, melancholischer Gedanke, als sie vor dem Kaufhaus die Ansammlung von Zuschauern wieder fand. Christa stutzte, unwillkürlich hatte sie die Worte verwendet, die ihr Vater immer zu ihrem Bruder gesagt hatte, wenn der etwas getan hatte, das den Vater einerseits zwar ärgerte, andererseits aber sprachlos gelassen hatte. Was hätte sie jetzt auch sagen sollen, sie kannte ja noch nicht einmal seinen Namen.

Wie zufällig blieb sie am äußeren Rand des Zuschauerkreises stehen, betrachtete den ‚Weißen‘, wie er mit kleinen Späßen und Kunststücken die umstehenden Menschen zum Lachen brachte.

„Damen und Herren, und...“, er beugte sich zu einem kleinen Mädchen herunter, „liebe Kinder! Was macht der Mensch, der so gerne Violine spielen will und weiß, dass er kein großes Meister werden wird? Er..“, und dabei griff er mit seiner rechten Hand langsam in die Hosentasche, „er...“, griff tiefer in seine Hosentasche, suchte offensichtlich etwas, „er...“, ließ den Arm bis über die Ellenbogen in der Hosentasche verschwinden und machte dabei ein so dummes, fragendes, dann überraschtes Gesicht, dass er die Lacher schon auf seiner Seite hatte, „er...“, zog eine winzige kleine Geige aus der Tasche, strahlte über das ganze Gesicht, „spielt eine kleine Instrument!“

In das Klatschen hinein zog er aus der anderen Hosentasche einen Geigenbogen heraus und begann zu aller Überraschung auf der winzigen Violine eine Melodie zu spielen.

Christa befand, die rote Clownsnase ließ seine Augen schwermütiger, seinen Mund trauriger aussehen, als sie ihn ohne diese rote Nase in Erinnerung hatte. Seine Augenbrauen schienen nachgezogen zu sein, dunkler, pointierter, den Ausdruck seiner Augen zu verstärken. Ihre Gedanken wurden von dem Beifall unterbrochen, der seine Darbietung belohnte.

„Nun, das war das Ende von meine kleine Vorstellung“, dabei nahm er seinen Hut ab, deutete eine Verbeugung an, so dass ihm seine schwarzen Locken ins Gesicht fielen, gab den Hut mit einem Lächeln an einen der Zuschauer im Innenkreis der Ansammlung.

„Doch bevor Sie gehen, noch ein kleines Gedichte für...“, er schnitt eine lächelnde Grimasse, als wisse er nicht, was er sagen solle, „...den weiteren Weg!“ Dabei breitete er die Arme aus und begann:

„Bedeutungsschwanger

kommt die Vers daher,“ wie entschuldigend hob er anscheinend verzagt die Schultern,

der Vers kann nicht gebären

und rutschte aus,

vor lauter Tiefsinn,

kam Schwermut auf die Welt,

als Fehlgeburt, doch lebend,

durch künstliche Bedenkung.“

Dabei grinste er so unbeschwert, dass die meisten Zuhörer auch lächeln mussten.

„Und...“, dabei hatte er den Hut wieder an sich genommen, die Geldmünzen in seine Handfläche gekippt, in der Geigenbogen-Hosentasche verschwinden lassen, „bevor ich es vergesse...“, setzte den Hut auf, blickte in der Runde der Zuschauer herum, Christa hatte das unbestimmte Gefühl, er würde sie, ausschließlich sie meinen, „weitere Gedichte heute Abend im Villon!“

Abrupt senkte er den Kopf, schaute auf den Boden, schien plötzlich in sich hineinzuschauen. Die Bewegung der Zuschauer vor ihr, die sehen wollten, was er vorhatte, versperrten Christa den Blick.

Dann hörte sie wieder seine Stimme: „Und als letztes. Ich wollte ja meinen Zauberstab verschenken!“

Tat so, als ob er jemanden aussuchen würde, ging auf den Kreis zu, der sich vor ihm öffnete, die Zuschauer wichen vor ihm zurück, keiner drängte sich vor, er schien ein bestimmtes Ziel zu haben, stand unerwartet vor ihr und gab den Stab der überraschten Christa.

Unwillkürlich griff sie nach dem Stab, überrascht, so nahe hatte sie ihm noch nie gegenübergestanden, ihre Augen versanken ineinander, überrascht, dass er sie bemerkt hatte, spürte sie das weiche Holz zwischen ihren Fingern, blickte auf den Zauberstab, er war mit kleinen, bunten Sternen bemalt, suchte wieder seine Augen, sah auf, sah auf die Rücken der Zuschauer vor ihr, die ihr die Sicht versperrten, der Kreis hatte sich bereits wiede

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