Silvester

 

Personen und Handlung sind frei erfunden. Nur das Originalbild, das gibt es tatsächlich in Dresden. Und die Kopie...? Aber nur das Original hatte ihn um etwas gebeten.

 

1.

Der Besucher hatte es leise zu sich selbst gesagt: „Seltsam.“ Er richtete sich aus der gebeugten Haltung wieder auf, und zwischen seinen Augenbrauen zeichneten sich deutlich zwei scharfe senkrechte Falten ab. Nachdenklich stand er so da, ging dann ein paar Schritte zurück, um das große Bild insgesamt betrachten zu können.

Leise flüsterte er: „Es kann doch gar nicht sein. Alles stimmt, die Farbgebung, die Nuancierungen, die Pinselführung und auch die Bildatmosphäre. Und wenn es Unterschiede geben würde, so wären sie doch erklärlich.“

Er wusste, dass die Gemälde dieser Zeit in Werkstätten gemalt worden waren. Und wenn sie auch mit Rubens, Raffael, Botticelli, oder wie immer die berühmten Maler dieser Jahrhunderte hießen, unterzeichnet waren, so hatten doch auch ihre Schüler mit an diesen Bildern gearbeitet und ihre eigene Art des Malens verewigt.

Es war damals so, wie es heute bei den berühmten Architekten, Unternehmern oder Generälen und Politikern üblich ist, ein einziger Name steht schließlich für alles - für die große Linie, den Stil. Wir kennen schließlich auch nicht mehr den Mönch, der im Mittelalter das Pergament tatsächlich beschrieben hat, nur das Siegel des Königs, in dessen Sinne es formuliert worden war...

Seine Gedanken waren abgewichen von dem, was ihm eigentlich aufgefallen war, und er rief sich selbst zur Ordnung, um sich auf das Gemälde zu konzentrieren. Schließlich war er kein Kunsthistoriker. Wie sollte er, der kein Fachmann war, es besser wissen, als die Gelehrten des Museums?

Er rückte seine Brille zurecht und blätterte mit dem rechten Zeigefinger suchend in dem dicken Museumskatalog, hielt an, las den Satz, nach dem er gesucht hatte, so, als wolle er seine Erinnerung überprüfen: „Rückseitig bezeichnet: peint par louis Silvestere à Dresde 1734“. Er blickte wieder auf, trat erneut an das Gemälde heran und konzentrierte sich auf die linke untere Ecke. Dort, in der dunklen Schattenpartie, stand eindeutig, in schwarzer kleiner Schrift, bei oberflächlicher Betrachtung oder bei Konzentration auf die helleren Partien des Bildes, dessen Figuren das Thema des Bildes waren, vollkommen unauffällig, dort in der dunklen Ecke las er ganz eindeutig: „Louis Silvestre (K.v.B.)“.

Es konnte nicht sein! Und doch konnte er auf dem Gemälde lesen, was dort nicht stehen durfte.

Es hingen im gleichen Raum noch andere Silvestre’s und auch nach eingehender, penibler Prüfung der dunkleren Partien war bei keinem der anderen Gemälde ein Schriftzug oder eine Signierung zu erkennen. Nur dieses eine Bild unterschied sich darin von den anderen und stimmte nicht mit dem Katalogtext überein.

Hilfesuchend blickte der Besucher sich in den stillen, großen Räumen um. Sein Erstaunen drängte nach Mitteilung dieser Verwunderung.

Der Museumswärter, ein jüngerer Mann, auf dessen vollem blonden Haar die nach hinten geschobene Dienstmütze wie unerwünscht aussah, schreckte aus seiner dösenden Wachsamkeit auf, als der Besucher geradewegs auf ihn zuging.

„Entschuldigen Sie bitte, aber wissen Sie, ob es mit diesem...“, der Besucher wies auf das Bild, vor dem er so lange prüfend gestanden hatte, „ob es mit diesem Gemälde etwas Besonderes auf sich hat?“

„Also, ich wüsste nicht.“ Eine leichte Verlegenheit wurde in seinem Gesichtsausdruck deutlich. „Aber das hat nichts zu bedeuten. Ich bin erst seit Neueröffnung der Galerie hier und wir wechseln alle drei Tage die Räume, in denen wir unseren Dienst tun“. Nun blickte er wie ein Verschwörer. „Wissen Sie, von wegen der Wachsamkeit!“ Er richtete sich kerzengerade auf, um das Gesagte zu unterstreichen.

Als ob aus kerzengerader Haltung auf Wachsamkeit zu schließen wäre.

„Früher“, sprach er weiter, „als die Wächter sozusagen ihre eigenen Räume hatten, da waren das noch richtige Spezialisten, die konnten ihnen jedes Farbpartikelchen beschreiben. Erinnern Sie sich, als die Mona Lisa nach Amerika transportiert wurde? Da wäre die Versicherungssumme fällig geworden, wenn nur ein Partikelchen der Ölfarbe gefehlt hätte, nachdem sie wieder zu Hause war. Mit einem Computer haben sie das Bild überprüft. Die alten Wächter hätten das mit bloßem Auge gekonnt!“

In seiner Stimme klang ein doppelter Ton aus nicht erfüllbarem Stolz und Selbstmitleid.

„Aber, bei dem ständigen Wechsel, wie soll man sich heutzutage da noch auskennen?“

Der Besucher verstand diese Tonlage des Selbstmitleides nicht. Er selbst war einen weiten Weg gereist, um diese Bilder anzusehen, und hatte die Museumswächter immer beneidet, die tagtäglich mit diesen unsterblichen Schöpfungen menschlichen Genies umgeben waren.

Nun schien es ihm, als ob diese ständige, unmittelbare Nähe eine seltsame Distanz und Uninteressiertheit zur Folge hätte.

Der junge Wächter unterbrach seinen Gedankengang: „Wenn Sie eine spezielle Frage haben, kann Ihnen vielleicht jemand vom Besucherdienst weiterhelfen.“

 

2.

Die Leiterin des Besucherdienstes erinnerte ihn, mit ihrem blonden Haar und ihrem Kostüm aus dunkelblauem Satin, an den goldblauen Glanz eines Bildes von Raffael, das er kurz vorher im Museum gesehen hatte.

„Barocke Figur“, dachte er bei sich. Obwohl er wusste, dass diese Beschreibung normalerweise abwertend gemeint war, empfand er eher eine Bewunderung für die in sich stimmige Erscheinung ihrer Weiblichkeit.

Mit einer leichten Befangenheit stand der Museumsbesucher vor ihrem Schreibtisch, berichtete von seiner Beobachtung und holte schließlich tief Luft: „Könnte es sein, dass es sich um eine Fälschung handelt?“

Zu seinem Erstaunen schien diese Frage sie nicht sonderlich aufzuregen. Ihr freundliches Lächeln, mit der sie seinem Bericht zugehört hatte, veränderte sich kaum merklich. Nur ihren Augen war eine stille Traurigkeit abzulesen.

„Ach, wissen Sie“, begann sie, hielt dann inne, „nun setzen Sie doch bitte erst einmal“ und wies auf den Stuhl neben ihrem Schreibtisch. „Also, die generelle Frage, ob das Bild eine Fälschung ist, führt sehr tief in die Thematik der Wertschätzung und...“, nun lächelte sie den Besucher hintergründig an, „Wertschätzung nicht nur im kultureller, sondern auch in schlicht finanzieller Hinsicht. Ist das Bild ein Original? Da keiner von uns daneben gestanden hat, als der Künstler das Bild malte und keiner von uns das Bild durch die Jahrhunderte stets persönlich begleitet hat, um Beweis anbieten zu können, dass dieses Bild das Original ist, das er gesehen hat, als es sozusagen geboren wurde, können wir uns nur auf unsere Experten verlassen. Ihre Expertisen, nicht unser eigenes Wissen, lassen das Bild zu eben dem Original werden, als das wir es dann ansehen.“

„Sie meinen also, es ist eine reine Frage der Übereinkunft von Experten und nicht des inneren Wesens eines Kunstwerks? Aber...“, er zögerte leicht, als sei ihm etwas in den Sinn gekommen. „Sie haben ja recht, wir kennen doch alle die Meldungen, dass ein einfaches preiswertes Bild vom Flohmarkt dann als Original eines berühmten Meisters eingestuft wird und dem glücklichen Besitzer ein kleines Vermögen einbringt.“

„Das ist der eine Aspekt. Ich hoffe, ich habe Ihnen keine Illusion genommen.“ Ihr Lächeln ließ den Eindruck entstehen, als wolle sie ihm gleich mitfühlend die Hand streicheln.

Sein Gesicht war allerdings tatsächlich bestürzt gefaltet und er hatte sich zurückgelehnt, als brauche er den Halt der Stuhllehne.

„Nun“, sie lächelte ihm aufmunternd zu, „die anderen und wesentlicheren Aspekte sind aber, neben der professionellen Kenntnis des künstlerischen Handwerks, unsere Phantasie und der Nimbus eines Kunstwerks, diese unerklärliche Aura der Berühmtheit des Künstlers oder des Kunstwerks. Während Kunstkenner sich von diesem Nimbus häufig befreien können und eigene Wertschätzungen entwickeln, ganz nach ihrem eigenen Geschmack, sind die normalen Besucher manchmal enttäuscht, wenn sie vor einem berühmten Gemälde stehen, dessen Nimbus erleben wollen und eigentlich nur ein gutes Gemälde sehen. Dann höre ich manchmal während der Führungen ein leises Murmeln, aus dem sich die Frage herausschält: ‚Ob das Bild wohl wirklich echt ist?’. Wir müssten unsere Gemälde eigentlich in weihevollerem Licht und in einer geheimnisvollen Atmosphäre präsentieren, damit diese Einstimmung möglich ist und die erhoffte Aura des Nimbus sich bei dem Besucher einstellt.“

Ihr Gast konnte dem Gesagten nur beipflichten. „Früher sprach man vom ‚Musentempel’. Heute sind die Museen eigentlich nur gepflegte Ausstellungshallen.“

Nachdenklich drückte er seinen Zeigefinger gegen die Schläfe. „Vielleicht ist auch die Qualität der Reproduktionen im Druck heute zu gut geworden, und ich sage ganz bewusst ‚zu gut’, denn so ist die Qualität des Originals für den normalen Betrachter keine Steigerung mehr gegenüber der Reproduktion. Ich habe schon Kommentare gehört, die sagten: ‚In der Kunstzeitschrift sah das Bild aber besser aus!’.“

Sie nahm seinen Faden auf. „Ich habe kürzlich gelesen, dass amerikanische Kinder die natürliche Ananas als zu sauer ablehnen. Ihr Kommentar soll dann sein, das sei keine Ananas, denn Ananas wäre viel süßer. Aus der Gewöhnung an die gesüßte Konserve wird das Original abgelehnt.“

Der Besucher war voller Eifer auf seinem Stuhl näher zur vorderen Kante der Sitzfläche vorgerutscht.

„Genau, Sie sagen es. Vielleicht sollte man sich, um die Einzigartigkeit der Originale zu bewahren, darauf einigen, dass Reproduktionen nicht mehr auf glänzendem Kunstdruckpapier reproduziert werden. Durch die Glätte des Papiers bekommen die Druckfarben eine helle Reflektion des Lichtes unterlegt, die den Bildern einen Glanz verleiht, den sie im Original gar nicht haben können.“

Ihr Lachen bremste seinen Eifer: „Ich werde Sie meinem Direktor als Sachverständigen vorschlagen! Aber ich fürchte, wir werden da nicht sehr erfolgreich sein. Sowohl, was die Verschlechterung der Druckqualität anbelangt, als auch die Akzeptanz von Ihnen als Sachverständiger.“

Sie kniff die Augen leicht zusammen und betrachtete ihren Besucher.

„Vielleicht aber doch, denn Ihnen ist ja etwas aufgefallen, was unsere Fachleute nicht bemerkt haben. Mehr kann ich Ihnen dazu im Augenblick nicht sagen.“

Sie überlegte einen Augenblick, dann verabschiedete sie ihren Besucher mit einem freundlichen Lächeln: „Wenn Sie mir Ihre Adresse aufschreiben wollen, werde ich Ihnen das Ergebnis unserer Überprüfung der falschen Beschriftung auf jeden Fall mitteilen.“

 

3.

Professor Heinrich, der Direktor des Museums, von seinem Naturell her schon leise und bedächtig, zeigte eine äußerlich kaum erkennbare R

© 2013-2018 Carsten Frerk   Ι   carsten.frerk@t-online.de   Ι   0179 - 3 999 555